Lebendige Sprache – Elke Erb zum 80. Geburtstag

Ihre Konzentration auf die Sprache ist einmalig. Niemand denkt oder redet wie sie. Sie ist unverkennbar immer wach, selbst wenn sie müde ist.

Sie wirft uns Worte zu wie Bälle, Gedanken wie Schneeflocken, ein Wirbel – große und kleine Flocken, verletzlich immer und doch stark – zusammengeballt.

Tot geglaubte Worte schreibt sie lebendig und schenkt ihnen Blumen.

Sie dichtet Gedankenalleen aus schmalen Wegen.

Alles hat Platz in ihren Texten, die „gebührende Abfuhr“, die „Lüge unseres Fleißes“ und „zitronengelb, rosa, grün…“.

Ihre Wortgeflechte sind Nahrung für Gedankenforscher und Liebhaber der Sprache.

Sie ehren? Also lesen!

Elke Erb 2017 in Wuischke

Elke Erb 2017 in Wuischke

 

Elke Erb – Zugelaufene Hunde (2007)

Elke Erb – die Unruhestifterin (2007)

Es kommt darauf an…  (2008)

 


Kaufhallen

Die Kaufhallen sind fast alle,

fast alle weg.

Ersatz:

Kaufland.

Ja,

alles da.

Meistens jedenfalls.

Butter und Schmalz.

Alles da.

Und darauf kommt es doch, kommt es doch,

kommt es doch an.

Doch, doch, doch!

 


S-Bahnhof Pankow

Bahnhof-Pankow-1979

Bahnhof-Pankow-1979


Das ist das Schlimmste

Das ist das Schlimmste,

dass es schon fast radikal normal ist,

dass wir nicht erschüttert aufmerken,

sondern Getöse fromm hinnehmen

und regelmäßig schamhaft schweigen.

Es fehlt uns an der Zeit, das muss gesagt werden.

Alltäglicher Widerstand passt kaum in den Alltag.

Ach, was vor Jahren noch undenkbar schien,

wird jetzt laut skandiert,

massenhaft massenwirksam.

Und wir wachen nicht auf:

Wir haben uns schon,

schon wieder,

schon wieder haben wir uns

an die Schreihälse gewöhnt.

 


Die Völker wandern

„Du bist geboren
In der Zeit der
Völkerwanderung:
Die Völker wandern
Von unten nach oben.“

Diese Zeilen aus einem Gedicht von Johannes R. Becher begleiten mich schon seit Jahrzehnten. Aber mir scheint, die Völker wandern jetzt – heutzutage wieder anders: Die einen müssen auswandern und die anderen wandern nach rechts.

Und auch denk ich an das andere Gedicht, das Lied, das ich ebenso sehr mag – Heimat, meine Trauer – es fiel mir sofort ein, als ich vor einigen Tagen den Artikel „Deutschland soll werden, wie es nie war“ von Daniel Schreiber in der Zeit las. 

Schreiber meint: „Heimat“ ist kein politisch unschuldiger Begriff, daran ändert ein Ministerium nichts. Wir sollten das Wort dem rechten Rand überlassen.“

Nein, ein „Heimatministerium“ brauchen wir nicht, da bin ich seiner Meinung – aber das Wort lass ich mir nicht rauben. Und schon gar nicht, will ich zum Komplizen des rechten Rands erklärt werden, wenn ich das Wort Heimat benutze.

„Man sollte den Begriff der Heimat unbedingt dem rechten Rand überlassen – wenn man ihn übernimmt, legitimiert man sein nationalistisches, fremdenfeindliches und populistisches Potenzial und leistet unfreiwillig Schützenhilfe. Man adelt die erneute politische Instrumentalisierung dieses Begriffs nur, indem man ihn hilflos selbst zu instrumentalisieren versucht“, schreibt Herr Schreiber.

Weder bin ich hilflos, noch muss ich den Begriff instrumentalisieren. Meine Heimat ist weit. Weit in mehrfacher Bedeutung. Da höre ich Ernst Busch singen – Spaniens Himmel), mein Heimatsbegriff ist eben größer als mein Zuhause. Und an unseren Heine denk ich, Wintermärchen und Lebensfahrt.  An Hölderlin denk ich – Heimat. Und mit denen kann ich auch unterwegs daheim sein. In der Fremde und in der Heimat gleichzeitig, ein wenig jedenfalls.

Und ja, auch das versunkene Land ist mir Heimat immer noch, ich blicke zurück mit nur wenig Zorn. „Unsere Heimat, das sind nicht nur die Flüsse und Berge“… „Und wir lieben die Heimat, die schöne /Und wir schützen sie, weil sie dem Volke gehört“.  Das hat sich erledigt, alles gehört inzwischen anderen – nur nicht dem Volk, nicht einmal das Wasser.

Heimat ist mir die Landschaft an der Oder (auf beiden Seiten der Grenze), auch die Ostsee ist mir Heimat und die Gänse an der Alster in Hamburg sind Heimat und nun auch noch Damaskus, obwohl ich dort noch niemals war. Heimat sind mir die Menschen, die ich mag und Orte, denen ich mich verbunden fühle und auch die deutsche Sprache ist mir Heimat.

Sprache dient der Verständigung und wenn nun jeder unter „Heimat“ etwas anderes verstünde, dann wäre das traurig – aber an der Reduzierung auf „röhrendes Rotwild“, „wogenden Weizen“, und „bayrisches Bier“ will ich mich nicht dadurch beteiligen, dass ich denen das Feld überlasse, die sich das wünschen.

Hier der Link zum Artikel in der Zeit – ich empfehle ausdrücklich, auch mal in den Kommentare zu lesen, dann weiß man, was die Stunde geschlagen hat – Deutschland soll werden, wie es nie war (Zeit)


Einschätzung zum Koalitionsvertrag – Leseempfehlung

Wer daran interessiert ist zu erfahren, wie sozial der Koalitionsvertrag ist, den CDU, CSU und SPD schließen wollen, kann auf die Bewertung des Paritätischen Gesamtverbandes zurückgreifen. Da bewerten Fachleute. Auf der Seite des Paritätischen können sowohl der Koalitionsvertrag sowie die Bewertung als PDF geladen werden. Vielen Dank dafür!

Koalitionsvertrag von CDU, CSU und SPD vom 7. Februar 2018 -Einordnung und Bewertung aus Paritätischer Sicht


Notiz

Heimat – das ist ein Zuhause – nur größer…


Kein Kind soll allein am Rand stehen

Die Vorstellung, ein Kind könnte allein am Rand stehen, während alle anderen Kinder etwas zusammen machen, treibt mir sofort die Tränen in die Augen.

Diejenigen, die Leistungen für Bildung und Teilhabe nach
§ 28 SGB II (Arbeitslosengeld II und Sozialgeld)
§ 34 SGB XII ( Sozialhilfeberechtigte)
§ 3 Abs. 3 Asylbewerberleistungsgesetz (AsylbLG)

für ihre Kinder in Anspruch nehmen könnten, sind oft weder darüber informiert, dass es solche Leistungen gibt, noch in der Lage, die entsprechenden Formulare auszufüllen.


Oh, oh- sicherheitshalber

…im Moment weit verbreitete Meinung: Neuwahlen muss man unbedingt vermeiden, weil es sonst noch schlimmer wird…

Vielleicht sollten wir dann die nächsten turnusmäßigen Wahlen sicherheitshalber ausfallen lassen. Möglich, dass das Volk unaufgefordert falsch denkt.

Ich empfehle:

Kurt Tucholsky – „Ein älterer, aber leicht besoffener Herr“ (1930)


Wintersonne

Wintersonne

Wintersonne

Glück ist, andere Menschen glücklich machen zu können…